10.07.2019

Paar aus Haan gesteht Drogen-Kurierfahrten


Für den Prozess vor dem Landgericht Wuppertal haben die vorsitzenden Richter Verhandlungstage bis in den Herbst hinein angesetzt. HT-Foto: Dirk Lotze
Seit 2016 sollen ein Mann und eine Frau Kokain geschmuggelt haben.

Haan - Sie wollten eine Familie aufbauen und ein Eigenheim kaufen. Das Geld aus zwei Arbeitsstellen habe für den Lebenswandel nicht gereicht. Das und schlichte Neugier seien die Gründe, warum sich ein Haaner Paar einer schillernden Gruppe europaweiter Kokainschmuggler angeschlossen habe.
Für die Fahrten dienten Mittelklassewagen, in die Trick-Verstecke im James-Bond-Stil eingebaut waren. Teils seien mehrere hunderttausend Euro von den Abnehmern einfach in einer Plastiktüte durchs Fenster in den Wagen gereicht worden. Nachgezählt habe niemand.
Im Großprozess gegen insgesamt sieben Angeklagte vor dem Landgericht Wuppertal gestanden die 29 Jahre alte Frau und der 34-jährige Mann aus Haan. Sie haben ein gemeinsames Kind. Die Verlobung sei inzwischen gelöst.
An Hand von Angaben der Angeklagten geht die Staatsanwaltschaft von Schmuggelfahrten ab Ende 2016 aus: In zwei Touren pro Woche sollen mehr als 20 Kilogramm Kokain transportiert worden sein, genug um in mehreren Großstädten sämtliche Einwohnerinnen und Einwohner zu versorgen. Straßenpreis pro Lieferung: Mehr als 600.000 Euro.
Ab dem Spätsommer 2017 hörten die Fahnder Telefone ab und orteten Autos per Satellit. Die Anklage benennt sogar, auf welchem Parkplatz die Fahrer hielten und ob sie vorwärts oder rückwärts einparkten. Später kamen Festnahmen und Hausdurchsuchungen teils mit Spezialkräften.
Die 29-jährige Haanerin, eine kaufmännische Angestellte, ist die Jüngste der Angeklagten. Die Reihe geht bis zur 63 Jahre alten Mutter eines mutmaßlichen Organisators: Sie soll auf einer Marhiuana-Plantage in Wuppertal die Pflanzen gegossen haben, die als Nebengeschäft eingeplant waren. Die Frau habe von ihrem Sohn Geld fürs Putzen bekommen.
Zur Verlobung habe der 34-Jährige gestanden, regelmäßig Kokain zu konsumieren, berichtete die Haanerin. Bis dahin sei sie davon ausgegangen, dass er zwei bis dreimal pro Jahr mit Drogen Kontakt hatte: „Das war klar - wenn er auf Party war, war er am nächsten Tag nicht zu gebrauchen.“
Sie sei später bei den Schmuggeltouren mitgefahren und habe auch die Autos gelenkt.
Neugierig sei sie gewesen: „Ich wollte einen Einblick in seine Welt. Er war der absolute Traummann für mich.“ Die Staatsanwältin zitierte Chat-Nachrichten des Paares: Für das Wochenende seien „Lunten“ und „Pillen“ da. Ja, bestätigte die Angeklagte, so war es. Zugleich relativierte sie Angaben ihres Ex-Verlobten: „Der hat immer viel erzählt. Den haben sie šBob, den Laberkopp™ genannt.“
Der frühere Partner der Frau, ehemals Berufsfeuerwehrmann in einer Nachbarstadt, gab noch viel mehr Fahrten zu, als die Staatsanwaltschaft angeklagt hat. Er bestätigte, unter Anspannung gewesen zu haben: Schichtdienst, Sportverein und ausschweifede Ausgaben hätten ihn überfordert.
Er habe sich um seine Finanzen gar nicht mehr gekümmert und sich trotzdem noch teuer tätowieren lassen. Kokain habe er sogar beim Fußballgucken und bei Computer-Spieleabenden genommen.
Ja, bei den Fahrten habe er die 29-Jährige als Tarnung mitgenommen, weil eine Frau an der Grenze weniger kontrolliert werde. Das habe er gegenüber Komplizen „den Muttifaktor“ genannt. Er habe die 29-Jährige aber vor allem bei sich haben wollen. Es klingt wie ein Signal an die Mitangeklagte.
Am ersten Sitzungstag versuchte er, sie mit einem Kuss zu begrüßen - sie drehte sich weg. Er überspielte es, indem er statt dessen seinen Anwalt umarmte. Der erklärte im Prozess: Sein Mandant wäre mit Gefängnis einverstanden, wenn es nicht mehr als sechs Jahre würden. Die Hauptangeklagten müssen mit Strafe um zwölf Jahre rechnen.
Einen dieser Männer lernte der 34-Jährigen seinen Angaben zufolge vor Jahren kennen. Der sei über Bekannte in den Freundeskreis gekommen, zu dem auch ein weiterer Angeklagter gehörte.
Auch dieser Mann soll Fahrten übernommen haben - zunächst ohne dass das Haaner Paar davon wusste: „Wir haben das später per Zufall rausbekommen. Ich habe gesagt, dass ich fahre und er hat gefragt: Wie? Du auch?“
Ob da etwas dran ist werden womöglich die Telefonmitschnitte beweisen.
Der 34-Jährige sitzt in Untersuchungshaft. Die 29-Jährige Haanerin ist während des Prozesses in Freiheit. Sie sagte, das gemeinsame Kind werde an den Sitzungstagen von der Familie betreut.
Das Gericht hat drei Termine pro Woche bis in den Herbst angesetzt. dilo
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