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07.02.2018

Konzert ist mehr als ein Stolperstein


Frank Weber freut sich seit vielen Jahren über die Gedenkkonzerte in Haan als Zeichen für die Vielfalt und gegen das Vergessen. HT-Foto: Stephan Korfe
In der evangelischen Kirche wurde ein Gedenkkonzert an die Opfer der Nazis
gespielt.

Haan - Seit fast zwanzig Jahren findet in Haan das Konzert der Musikschule mit Texten zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus statt.
„Das Konzert ist wie ein Stolperstein“, sagte Superintendent Frank Weber beim diesjährigen Gedenktermin am Donnerstag, 1. Februar, in der evangelischen Kirche. Ein Stolperstein, der in Haan meist Ende Januar oder Anfang Februar auftaucht, und der einen - wie es bei Stolpersteinen üblich ist - einen Moment lang zurückwirft, zurückblicken und fragen lässt. So ließe es sich jedenfalls interpretieren.
Und Anlässe für ein solches Gedenkkonzert könnten dabei tatsächlich viele Tage aus der Vergangenheit bieten. Ein Tag jedoch mahnt die Weltgemeinschaft besonders. Denn am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee die Gefangenen des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz.
Für 1,5 Millionen Menschen kam die Befreiung zu spät: Die Nazis hatten sie über Jahre in systematischer Abscheulichkeit ermordet. Die Rettung der wenigen Überlebenden jedoch, die gemachten Bilder, die späteren Prozesse und Vernehmungen ermöglichten später das ganze unfassbare Ausmaß der Unmenschlichkeit der Nazis zu offenbaren.
Auschwitz wurde in der ganzen Welt zu einem Synonym. Zu einem Synonym für den Rassenwahn, zum Synonym für den millionenfachen Mord, zum Synonym für Menschenversuche und für eine industriell organisierte Massenvernichtungsmaschinerie der Nazis.
Auf Initiative des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog wurde der Tag der Auschwitzbefreiung 1996 zum offiziellen, deutschen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. 2005 machte die UN den 27. Januar zum internationalen Gedenktag.
Die Lagerauflösung liegt heute 73 Jahre in der Vergangenheit, das Gedenkkonzert in Haan holt diese Zeit in die Gegenwart zurück, lässt stolpern.
Eine Schülerin nahm die Zuhörer in ihrem Text mit in die Lagerzeit von Auschwitz. Sie las Erinnerungen des Historikers, Publizisten und Politikers, Wladyslaw Bartoszweski, an dessen Ankunft im Lager vor. Sie beschrieb in den Worten Bartoszweskis wie die Menschen zunächst die Schornsteine auf dem Gelände als zu Produktionsfabriken zugehörig fehlinterpretierten. Fabriken, in denen anscheinend gearbeitet werden sollte. Keiner der Neuankömmlinge konnte sich vorstellen, dass hier Menschen in Gaskammern vergiftet und ihre Leichen später durch die Schlote geschickt wurden.
Auch heute stolpert das Herz beim Gedanken daran. Historiker schätzen, dass allein in Auschwitz fast eine Million Juden den Tod fanden. Superintendent Weber hat ein ehemaliges Lager in Ostpolen besucht. „Und nach diesem Besuch ist es für mich unfassbar, wie heute Menschen den Holocaust leugnen können“, sagte er mit unmissverständlichem Fingerzeig auf die Worte des AfD-Politikers Björn Höcke, der das Holocaust-Mahnmal in Berlin in einer Rede als „Denkmal der Schande“ bezeichnet hatte.
Aus einem Bericht der Bundesregierung geht hervor, dass auch die Zahl sogenannter „Hassverbrechen“ steigt. Das sind Verbrechen, die aus Hass gegenüber Menschen anderer Nationen, Hautfarben, Geschlechter, sexueller Orientierungen oder Glaubensrichtungen, begangen werden. Ist das eine Form des Hasses, der damals, potenziert, konzentriert und geschürt, zur Vernichtung und Verfolgung von über 13 Millionen Menschen unterschiedlichster Kultur- und Gruppenzugehörigkeit in deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagern motivierte?
Auch über diese Gedanken, und über diese Zahlen - mögen sich auch unfassbar scheinen - stolpert man. „Dies ist auch ein Abend für die Vielfalt“, sagte Weber daher verständlicherweise in seiner Rede.
Die Musikschüler unter der Leitung von Thomas Krautwig, sowie der Chor „Loses Mundwerk“ von Silvia Lamprecht und das Klezmer-Ensemble zelebrierten dabei mit einer multikulturellen Musikauswahl gerade diese Vielfalt.
Der stellvertretende Bürgermeister Jens Niklaus würdigte das Engagement der Musiker und Sprecher. Das Konzert trüge zur Erinnerungskultur bei. „Und eine lebendige Erinnerung an und die aktive Auseinandersetzung mit der Geschichte ist das beste Mittel gegen Nationalsozialismus, Faschismus und Rechtspopulismus“, sagte Niklaus in seiner Rede.
Doch heute stehe die Erinnerungskultur vor neuen Herausforderungen. Opfer und Täter stürben. Und damit gehe auch die persönliche Weitergabe verloren. Es gilt also stärker denn je, die Erinnerung wachzuhalten. Seit fast zwanzig Jahren trägt das Gedenkkonzert in Haan dazu bei, erinnert und mahnt. „Dieses Konzert ist ein Zeichen der Verantwortung der nachfolgenden Generation“, sagte Jens Niklaus. Und dabei ist es längst kein Stolperstein mehr, wenn es überhaupt je einer war.
Denn das Stolperstein-Bild könnte andeuten, dass man sich der Geschichte nur in jenem, kurzen Moment bewusst wird. Aber das sollte nicht sein. In diesem Gegensinne hat die langjährige Gedenkkonzertreihe in Haan eine Kontinuität des Erinnerns hergestellt. Vielleicht ist es auch das, was sich Roman Herzog 1996 in seiner Rede vorstellte: „Deshalb meine Mahnung zum Erinnern und zur Weitergabe der Erinnerung. Nicht nur am 27. Januar. Aber vielleicht kann dieser Gedenktag uns dabei helfen.“ sk
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