Haaner Senioren sollen Hilfe beim digitalen Ticket bekommen
Digitale Tarife können Bus- und Bahnfahrten günstiger machen. Doch viele ältere Menschen fühlen sich mit Apps unsicher.
Von Antje Götze-Römer
Haan – Bus und Bahn fahren, ohne vorher Tarifzonen, Waben oder Preisstufen zu prüfen: Genau das soll der digitale Tarif eezy.nrw möglich machen. Fahrgäste checken vor dem Einstieg per App ein, fahren los und checken am Ziel wieder aus. Abgerechnet wird anschließend nach der Luftlinie zwischen Start und Ziel. Gerade bei kurzen Fahrten über Stadtgrenzen hinweg kann das günstiger sein als ein klassisches Ticket.
Nach der Tarifreform des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr zum 1. Juni sind nach Angaben der Digitalpaten Kreis Mettmann manche Fahrten über Stadtgrenzen deutlich teurer geworden. In einer Mitteilung nennen sie als Beispiel eine Kurzstrecke, die nun 7,80 Euro statt zuvor 3,80 Euro koste. eezy.nrw könne hier eine günstigere Alternative sein.
Nach Angaben der Digitalpaten setzt sich der Preis aktuell aus einem Grundpreis von 1,73 Euro und 29 Cent je Luftlinienkilometer zusammen. Eine Fahrt mit einem Kilometer Luftlinie koste demnach 2,02 Euro, bei fünf Kilometern seien es 3,18 Euro.
Doch genau hier beginnt für viele ältere Menschen das Problem: eezy.nrw funktioniert nur digital per Smartphone. Wer keine Erfahrung mit Apps hat, keine Zahlungsmöglichkeit hinterlegen möchte oder Angst hat, beim Ein- oder Auschecken etwas falsch zu machen, nutzt das Angebot oft nicht. Die Sorge vor Problemen bei einer Fahrkartenkontrolle kommt hinzu.
Um diese Hemmschwelle abzubauen, haben die Digitalpaten Kreis Mettmann gemeinsam mit der Rheinbahn AG das Angebot „Begleitetes Fahren“ entwickelt. Dabei begleiten ehrenamtliche Digitalpatinnen und Digitalpaten Ratsuchende auf einer echten Bus- oder Bahnfahrt.
Gemeinsam werden die notwendigen Schritte geübt: App installieren, Zahlungsmöglichkeit hinterlegen, vor Fahrtbeginn einchecken, umsteigen, am Ziel auschecken und sich bei einer Kontrolle richtig verhalten.
Das Projekt startet zunächst im Raum Hilden. Auf Anfrage des Haaner Treffs erklärt Erwin Knebel von den Digitalpaten, es handele sich um ein Pilotvorhaben. „Für die Rheinbahn und die Digitalpaten ist dieses Projekt ein Pilotvorhaben. Deshalb können wir derzeit noch nicht einschätzen, wie groß das Interesse sein wird und welche Erfahrungen wir im praktischen Einsatz sammeln werden“, erklärt Knebel.
In Hilden seien bereits engagierte Ehrenamtliche gefunden worden. Außerdem müsse die Rheinbahn noch erproben, wie sichergestellt werden könne, dass die ehrenamtlichen Begleiter während der Übungsfahrten ihre Fahrtkosten nicht selbst tragen müssen.
Für Haan ist das Angebot dennoch schon jetzt interessant. Denn laut Knebel gehört der Raum Haan ausdrücklich dazu. Interessierte aus Haan könnten sich bereits bei den Digitalpaten melden und an den Angeboten teilnehmen. Wenn die Erprobungsphase erfolgreich verlaufe, solle das Projekt im Herbst auf den gesamten Kreis Mettmann ausgeweitet werden.
Auch Informationsveranstaltungen und Übungsfahrten in Haan seien grundsätzlich denkbar. Dafür sollen nach der Pilotphase auch ehrenamtliche Begleiterinnen und Begleiter vor Ort gewonnen werden.
Der Seniorenbeirat Haan bewertet das Angebot als sinnvoll, sieht digitale Tickets aber nicht für alle älteren Menschen als einfache Lösung. „Nicht alle Seniorinnen und Senioren haben ein Smartphone. Registrierung und Bedienung sind nur für smartphone-affine ältere Menschen geeignet“, meint der Vorsitzende des Seniorenbeirats, Rolf Brockmeyer. Digitale Ticketangebote könnten dann zur Hürde werden, wenn es nur noch digitale Tickets gäbe.
Als zusätzliches Angebot sieht der Seniorenbeirat sie hingegen als Bereicherung. Das „Begleitete Fahren“ sei aus Sicht des Seniorenbeirats auf jeden Fall sinnvoll, weil es bei Registrierung, Bedienung und Übungsfahrten unterstütze.
Gleichzeitig formuliert der Seniorenbeirat ein weitergehendes Ziel: Er setzt sich nach eigenen Angaben dafür ein, dass Fahrten in allen ÖPNV-Verkehrsmitteln innerhalb NRWs für Seniorinnen und Senioren ab Rentenantritt kostenlos werden. Als Nachweis solle der Rentenantritt in Verbindung mit einem Ausweisdokument ausreichen.
uch die AWO Haan sieht weiterhin große Hürden. Cornelia Heinze berichtet, das Stimmungsbild habe sich seit früheren Gesprächen nicht verändert. Viele Seniorinnen und Senioren lehnten es weiterhin ab, ein Smartphone zu besitzen oder zu bedienen. Gerade bei hochaltrigen Menschen sei es oft schon schwierig genug, eine WhatsApp-Nachricht zu verschicken.
„Damit dann auch noch zu bezahlen, ist für viele kaum vorstellbar, zumal man im Bus die Hände braucht, um sich festzuhalten“, erklärt Heinze.
Aus ihrer Sicht sind die häufigsten Hindernisse klar: Viele hätten kein Smartphone, andere lehnten Schulungen in diesem Bereich ab. Schon das Wort „App“ löse bei manchen Unverständnis aus. Viele sagten offen, dass sie den Umgang damit nicht mehr lernen könnten oder wollten.
Ein Angebot wie „Begleitetes Fahren“ hält Heinze trotzdem auch für Haan für sinnvoll. Vielleicht werde dadurch die eine oder der andere neugierig und lasse sich doch einmal darauf ein. Bei der AWO habe sie allerdings erlebt, dass die Generation über 80 daran bisher kein Interesse gehabt habe. Für viele ältere Menschen geht es beim Thema Mobilität ohnehin nicht nur um den Fahrpreis oder die passende App. Heinze weist darauf hin, dass viele schon sehr mit dem Busfahren selbst beschäftigt seien. Häufig werde die Angst genannt, im Bus zu stürzen – etwa beim Anfahren oder beim Aussteigen. Sich zusätzlich beim Ein- und Aussteigen noch mit dem Smartphone beschäftigen zu müssen, sei für viele kaum vorstellbar.
Wichtig sei ihnen vor allem, sicher und ohne Angst unterwegs zu sein. Dazu gehörten auch sichere Bürgersteige, Probleme durch Roller und Fahrräder sowie ausreichend lange Ampelphasen für Menschen mit Rollator, etwa auf der Kaiserstraße.
Das neue Angebot der Digitalpaten kann damit eine Brücke sein – für diejenigen, die ein Smartphone besitzen und sich mit Unterstützung an digitale Tickets heranwagen möchten. Zugleich macht die Rückmeldung aus Haan deutlich: Damit ältere Menschen selbstständig mobil bleiben, braucht es mehr als eine App. Es braucht persönliche Hilfe, verständliche Angebote und weiterhin Möglichkeiten für Menschen, die digital nicht unterwegs sind.⋌agr
