Becker rock ‘n’ rolled durch die Geschichte

Kabarettist Jürgen Becker trat in der Evangelischen Kirche auf und 
entführte die 
Besucher auf eine musikalische Zeitreise.

Von Sylke Jacobs
Haan – Es gibt Abende, die passen in keine Schublade. Der Auftritt von Jürgen Becker in der Evangelischen Kirche am Samstag, 21. März, war so einer.
Mit seinem Programm „Deine Disco – Musik in Scheiben“ servierte Becker weder Fisch noch Fleisch, kein Bier und keinen Wein, vielmehr erwartete das Publikum eine wilde, kluge und politisch unterlegte Mischung aus Kabarett und Satire.

Im kölschen Dialekt und rasendem Tempo ging die Reise von Kinderliedern über politische Analysen bis hin zu Rockklassikern – und das alles im typisch trockenen rheinischen Humor.
Horst Wilde, Vorsitzender des Fördervereins Kirchenmusik Plus der Evangelischen Kirchengemeinde Haan, der übrigens auch Veranstalter des Abends war, brachte es schon zur Begrüßung auf den Punkt: „Becker ist eine gelungene Mischung aus Humor, Augenzwinkern und Wortwitz – ein Anstoß mit Tiefe über etwas nachzudenken.“
Und ein Blick in die bis auf den letzten Platz gefüllten Reihen, verriet: Das Konzept ging auf. „Wenn das nicht mal eine volle Kirche ist“, eröffnete Wilde das Programm.
Becker selbst stieg direkt programmatisch ein. Mit wummernder Musik im Hintergrund stellte er fest: „Am Anfang war nicht das Wort – am Anfang war Musik.“ Und genau das bewies er im weiteren Verlauf des Abends mit beeindruckender Konsequenz. Musik war hier kein Beiwerk, sondern der rote Faden. Ohne Vorwarnung ließ Becker aus den Lautsprechern „Backe, Backe Kuchen“ tönen und animierte das Publikum zum Mitsingen. Sprunghaft ging es dann zu „Guten Abend, gut’ Nacht“ über, nur um im nächsten Moment trocken nachzulegen: „Wenn Gott will, wirst du wieder wach.“
Zwischen den Liedern entfaltete Becker seine eigentliche Stärke, die Verbindung von Musikgeschichte und Zeitgeschehen. Jede Bewegung – so seine These – habe ihren eigenen Soundtrack gehabt: „Ohne Musik wäre die Geschichte anders verlaufen.“
Musikalisch ging die Reise quer Beet durch alles, was das kognitive Gedächtnis hergibt: Von „I can‘t get no satisfaction“ der Rolling Stones über „In the summertime“ von Mungo Jerry bis hin zu Pink Floyd, die einem ganz neue Dimensionen eröffneten. Und die französische Nationalhymne, die beschreibe ja ein regelrechtes Blutbad. Diese gespielt vor einem Nationalspiel – da könne man sich ja vorstellen, was für eine Schlacht das werde.
Während man noch nickte und lachte, bog Becker aber schon wieder scharf zur nächsten Pointe ab – etwa zur Tierwelt: Brunftzeit, Balzverhalten und der Gesang des Hahnes beim Besteigen des Huhnes – daraus sei der Name „I-Phone“ entstanden, war seine persönliche Erkenntnis. Das Publikum johlt und sang immer wieder bereitwillig mit.
Besonders stark wurde der Abend immer dann, wenn Becker scheinbar harmlose Lieder auseinandernahm. Etwa bei „Hoch auf dem gelben Wagen“: Zunächst klang alles nach gemütlicher Nostalgie – bis Becker innehielt und meinte: „Der Wagen rollt … der hält gar nicht mehr an.“ Kurze Pause: „Klar, dass das Walter Scheel gesungen hat, das kann doch nur von der FDP sein.“

„Stellen Sie sich mal den DHL-Boten vor, der steht da mit seinen Paketen, der Wagen rollt – und er denkt: Ich würd ja gern anhalten – aber der Wagen lässt es nicht zu. „Bald holen wir alle unsere Pakete an der Packstation ab – nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil keiner mehr anhält.“ Zwischen all dem Humor steckt immer wieder feine Kritik. Auch kölsche Songtexte blieben nicht verschont. Ums Arbeiten sei es in Kölner Liedern nie gegangen. „Schauen Sie sich mal „D’r Mürer“ von den Bläck Fööss an: Bevor der seine erste Arbeitshandlung beginnt, ist auch schon wieder Feierabend.“ Arbeiten komme da höchsten angedeutet im Refrain vor.
Nach einer zwanzigminütigen Pause, knüpfte Becker nahtlos an die energiegeladene erste Hälfte an. Mit weiteren musikalischen Sprüngen und pointierten Seitenhieben aus Politik und Gesellschaft führte er sein Publikum erneut durch seine ganz eigene „Disco“ der Zeitgeschichte.