Kaum noch Kröten in Gruiten unterwegs

Dramatischer Rückgang macht Umweltschützern große Sorgen. Kein Zaun mehr am Hermgesberg.

Von Susanne Schaper
Gruiten – Mild und feucht: Das ist die ideale Wetterlage für Kröten, um sich auf den Weg zu ihrem Geburtsteich zu machen. Bei Temperaturen um fünf Grad plus verlassen sie ihre Winterquartiere in Hecken, Mauern und Wäldern und wandern zu ihren Laichgewässern.
Jahrzehntelang war diese Zeit am Hermgesberg und entlang des Hahnenfurther Weges auch mit einer festen Einrichtung verbunden: den Krötenzäunen der Arbeitsgemeinschaft Natur & Umwelt Haan (AGNU). In diesem Jahr jedoch wird es am Hermgesberg keinen Zaun mehr geben.
Der Grund ist ebenso ernüchternd wie besorgniserregend: Die Zahl der wandernden Kröten ist in den vergangenen Jahren dramatisch zurückgegangen.
Die AGNU betreute zuletzt zwei Zaunabschnitte. Am Hahnenfurther Weg wurden im vergangenen Jahr lediglich 33 Kröten gezählt und sicher über die Straße gebracht. Zum Vergleich: 2013 waren es noch rund 1.600 Tiere, 2019 immerhin noch etwa 700.
An der Quarterhorse Ranch, wo die AGNU seit mehr als 30 Jahren mit freiwilligen Helferinnen und Helfern einen Schutzzaun errichtete, wurden im vergangenen Jahr 23 Kröten gerettet. 2013 waren es dort noch 1.187, 2019 etwa 800 Tiere gewesen.
„Warum es jetzt nur noch so wenige Kröten gibt, wissen wir nicht genau“, erklärt Conny Heckermann von der AGNU. Die Ursachenforschung laufe, doch viele Faktoren kämen infrage. Der Klimawandel spiele sicherlich eine Rolle. Zu warme Winter führten dazu, dass die Amphibien zu viel Energie verbrauchten und geschwächt in das Frühjahr starteten. Plötzliche Fröste könnten ihnen dann zusätzlich zusetzen. Auch die zunehmend trockenen Sommer machten den Tieren zu schaffen, denn ihre Haut müsse stets feucht bleiben.
Ein weiterer entscheidender Faktor sei das Insektensterben. Insekten bilden die Nahrungsgrundlage der Kröten – sinkende Bestände bedeuten weniger Nahrung. Auch Krankheiten wie ein Pilzbefall könnten eine Rolle spielen. Einflüsse aus der Landwirtschaft durch Düngung und Pestizide werden ebenfalls diskutiert.
Andere mögliche Ursachen stuft die AGNU hingegen als weniger wahrscheinlich ein: Laichfraß durch Fische wurde 2024 durch den Einsatz einer Reuse im Teich überprüft und weitgehend ausgeschlossen. Auch Waschbären scheinen keine maßgebliche Rolle zu spielen; nur wenige Opfer wurden gesichtet. Der Flächenverbrauch durch den Steinbruch im Osterholz könne ebenfalls kaum allein verantwortlich sein, da die Bestände an verschiedenen Standorten ähnlich stark eingebrochen seien.
Denkbar seien dagegen Einflüsse durch einen wachsenden Gänsebestand oder eine stärkere Beschattung des Teiches. Vielleicht, so eine weitere Vermutung, haben die Amphibien inzwischen ein anderes, geeigneteres Laichgewässer gefunden. Gewissheit gibt es bislang nicht – die Naturschützer beobachten die Entwicklung weiter.
Mit dem Verzicht auf den Zaun am Hermgesberg entfällt nun auch ein sichtbares Zeichen des Amphibienschutzes. Möglicherweise werden sogar die Schilder entfernt, die während der Wanderzeit eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 30 Stundenkilometern vorsahen.
„Nun haben die Kröten gar keinen Schutz mehr“, sagt Conny Heckermann. Doch selbst Tempo 30 garantiere nicht das Überleben der Tiere: Schon die Luftdruckveränderung durch vorbeifahrende Autos könne für sie tödlich sein.
Deshalb appelliert die AGNU eindringlich an alle Autofahrerinnen und Autofahrer, besonders in der Dämmerung und bei mildem, feuchtem Frühlingswetter vorsichtig und möglichst in Schrittgeschwindigkeit zu fahren. Die Kröten blieben meist sitzen, so dass man behutsam um sie herumfahren könne.
Wer Kröten auf der Straße entdeckt, darf sie vorsichtig auf die andere Seite setzen – und zwar immer in die Richtung, in die sie gerade unterwegs sind. Das gilt auch in Wohngebieten. Sinnlos sei es hingegen, Kröten einzusammeln und in den eigenen Gartenteich zu setzen. Die Tiere orientieren sich stark an ihrem Geburtsteich und machen sich in der Regel erneut auf den Weg dorthin.
Was kann jeder Einzelne darüber hinaus tun? „Vor allem einen insektenfreundlichen Garten anlegen“, rät Conny Heckermann. Schon eine kleine Ecke mit heimischen Blühpflanzen, ohne Pestizide und mit naturnahen Strukturen könne helfen. Mehr Insekten bedeuteten mehr Nahrung – und damit bessere Überlebenschancen für Amphibien.
Statt der klassischen Krötenrettungsaktion plant Conny Heckermann nun sogenannte Nachtwanderungen für Kinder und Eltern, sofern es an bestimmten Stellen noch wandernde Tiere gibt. Wer Interesse hat, kann sich bei der AGNU unter kroeten@agnu-haan.de melden.
Ob und wie sich die Bestände am Hermgesberg erholen, bleibt ungewiss. Sicher ist nur: Der Schutz der kleinen Wanderer braucht weiterhin Aufmerksamkeit – auch ohne Zaun.