Poetry Slammer entfachen Wortgewitter
Haaner Poetry Slam begeisterte erneut das Publikum in der Aula des Städtischen Gymnasiums.
Von Sylke Jacobs
Haan – Der dritte Haaner Poetry Slam verwandelte die Aula des Haaner Gymnasiums am vergangenen Freitag in eine vibrierende Halle moderner Dichtkunst. Rund 150 Zuschauer erlebten, wie vier Slammer und eine junge Gastkünstlerin lyrische Salven auf die Bühne brachten – mal komisch, mal bitterernst – vor allem aber ehrlich.
Und schnell wurde klar: Das hier ist kein gewöhnliches Event. Moderator Jan Schmidt, selbst erfahrener Slam-Profi, setzte nämlich direkt zu Beginn den Ton: „Die vorderen Reihen sind gefüllt? Heute also mal ganz ohne Spuckschutz. Kann ja bei so viel Sprache passieren“, brachte er das Publikum zum Lachen und leitete mit einer Mischung aus Charme, Wortwitz und Ironie durch den Abend.
Die 14-jährige Gastperformerin Zoe Müller eröffnete den Abend mit einem poetisch-intimen Text über die unerbittliche Angst, die sie wie ein unsichtbares Wesen begleitet.
Slammerin Evgenija Kosov gelang ein starker Einstieg in den Wettbewerb. Die Vize-NRW-Meisterin begann mit einer Frage ans Publikum: „Wie geht es euch?“ Die Antwort: „Gut!“ „Wo ich herkomme, aus Bochum, würde man zurückfragen: Wie geht es dir?“ Ihr Text war ein rasanter Epilog des modernen überdrehten Alltags: Job, Fitnessstudio, Therapie, Notarzt, Erledigungen – keine Zeit, nie genug. IPad, Termine, Fingernägel knabbern, Zähneknirschen, weiter, weiter, weiter.
„Mein Text ist hässlich“, begann der NRW-Finalist Malek und entfaltete einen bewegenden Slam über Armut, Ungerechtigkeit und Vorurteile. Von der eleganten Dame, die plötzlich nach seiner Herkunft fragt. Von der schlagartigen Veränderung des Blicks, sobald der Begriff „10. Stock eines Betonklotzes“ fällt. Von Mauern, durch die Ratten laufen und von Menschen, die lachen – aber vielleicht auch nur, um nicht verrückt zu werden – oder sind sie es schon?
Stephanie Nobel, die Slammerin aus Haan, brachte einen sehr persönlichen Text auf die Bühne. „Angst schlich in mein Gesicht“, sagte sie – ein Kloß im Hals, ein Wesen, das sie vollständig ergreift. Ein emotionaler Beitrag über das innere Ringen – hartnäckig und real.
Die Trize-Rheinland-Pfalz-Meisterin Julie Kerdellant begann ebenfalls mit einer Publikumsfrage: „Ist Haan reich oder nur die Schule?“ Worauf aus dem Publikum trocken zurückkam: „Haan ist jetzt pleite.“ In ihrem Text sprach sie spielerisch über ihre deutsch-französische Identität: Bretonischer Dickkopf trifft deutsche Heimat, auf die man angeblich aber nicht stolz sein darf. Aber deutsche Schimpfwörter, die fände sie klasse: „Pisser, Kackwurst“ – hart und cool – da klängen die französischen Pendants eher wie warme Salven.
Nach dieser ersten Runde zeichnete sich bereits ein enger Zweikampf zwischen Julie Kerdellent und Malek ab. Die zweite Halbzeit sollte nun zeigen, wer ins Finale kommt.
Diesmal begeisterte Julie Kerdellent mit humorvollen Betrachtungen über das Altwerden. Im Finale folgte ihr vom Publikum gefeierter Apfel-Birnen-Text – ein augenzwinkerndes Plädoyer: „Hätte Eva eine Birne gegessen, sähe die Welt heute anders aus.“
Stephanie Nobel berührte tief mit einem Text, der über den Freitod ihrer Mutter erzählte – ihr erster je geschriebener Slamtext. Malek präsentierte poetische Eindrücke eines Spaziergangs, kunstvoll verdichtet.
Im Finale las er einen fiktiven Soldatenbrief, eine lyrische Darstellung der Schrecken des Krieges aus Sicht eines Soldaten an dessen Sohn. Evgenija Kosov brachte mit ironischer Leichtigkeit Alltagsängste auf die Bühne und zeigte, wie man sich aus ihnen herausarbeiten kann.
Am Ende entschied das Publikum sich mit einer 10-er Wertung und tosendem Applaus für Julie Kerdellent, dicht gefolgt von Malek auf Platz zwei.
